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Automotive Cybersecurity verständlich erklärt

Moderne Fahrzeuge sind rollende Computernetzwerke. Diese Seite erklärt die Angriffsflächen, die geltende Regulierung und die wichtigsten Meilensteine der Fahrzeug-Cybersicherheit.

UN R155 UN R156 ISO/SAE 21434

Was ist Automotive Cybersecurity?

Automotive Cybersecurity umfasst alle Massnahmen, die vernetzte Fahrzeuge, ihre Steuergeräte (ECUs), Bordnetze und Backend-Systeme vor Manipulation, Diebstahl und Ausspähung schützen. Ein heutiges Auto enthält oft über 100 Steuergeräte und Millionen Zeilen Software – verbunden über Bussysteme, Mobilfunk, WLAN, Bluetooth und Cloud-Dienste. Jede dieser Schnittstellen ist ein potenzielles Einfallstor.

Weil Fahrzeuge sicherheitskritisch sind und oft jahrzehntelang im Einsatz bleiben, muss Cybersicherheit über den gesamten Lebenszyklus mitgedacht werden – von der Entwicklung über Produktion und Betrieb bis zur Ausserdienststellung.

Angriffsflächen moderner Fahrzeuge

Vernetzung schafft Komfort – und vergrössert die Angriffsfläche. Die wichtigsten Einfallstore im Überblick.

Vernetzung & Telematik

Mobilfunkmodule, eCall und Cloud-Anbindung halten das Fahrzeug dauerhaft online – ein attraktives Ziel für Fernangriffe.

Funkschlüssel & Keyless

Bei Relay- und Replay-Angriffen wird das Schlüsselsignal verlängert oder aufgezeichnet – Diebstahl ohne physischen Schlüssel.

Bus-Systeme (CAN, LIN, Ethernet)

Klassische Bordnetze authentisieren Botschaften oft nicht. Per „CAN-Injection" lassen sich gefälschte Befehle einschleusen.

Infotainment & Apps

Headunit, Bluetooth, WLAN, USB und Companion-Apps sind beliebte Einstiegspunkte ins Fahrzeugnetz.

OTA-Software-Updates

Over-the-Air-Updates müssen signiert und nachvollziehbar sein – sonst wird der Update-Kanal selbst zum Risiko (UN R156).

Ladeinfrastruktur (EV)

Ladesäulen, Plug & Charge (ISO 15118) und Abrechnungssysteme eröffnen neue Angriffsvektoren bei Elektrofahrzeugen.

ADAS & Sensorik

Kamera, Radar, LiDAR und GPS lassen sich durch Spoofing oder Jamming täuschen und beeinflussen Assistenzfunktionen.

Backend & Lieferkette

Hersteller-Backends, Zulieferer-Software und das Schlüsselmanagement sind Teil der Angriffsfläche – Sicherheit endet nicht am Fahrzeug.

Regulierung & Standards

Seit 2020 ist Fahrzeug-Cybersicherheit international verbindlich geregelt. Die wichtigsten Rahmenwerke:

UN R155

Cybersecurity-Management-System (CSMS)

Erste verbindliche internationale Regelung: Hersteller müssen ein zertifiziertes CSMS betreiben und eine Cybersecurity-Typgenehmigung nachweisen. Pflicht für neue Fahrzeugtypen seit Juli 2022, für alle neu produzierten Fahrzeuge seit Juli 2024 (UNECE-Märkte).

UN R156

Software-Update-Management (SUMS)

Schwesterregelung zu R155: regelt sichere, nachvollziehbare Software- und Over-the-Air-Updates über ein Software-Update-Management-System.

ISO/SAE 21434

Cybersecurity Engineering

„Road vehicles – Cybersecurity engineering" (2021). Prozessstandard für Security-by-Design über den gesamten Lebenszyklus elektrischer/elektronischer Systeme.

TARA · WP.29

Risikoanalyse & Rahmen

Threat Analysis and Risk Assessment (TARA) ist die Kernmethodik von ISO 21434. Die UNECE WP.29 bildet den regulatorischen Rahmen hinter R155/R156.

Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus

Security-by-Design bedeutet, Sicherheit von Anfang an mitzudenken – nicht nachträglich aufzusetzen. ISO/SAE 21434 strukturiert diesen Prozess entlang des Fahrzeug-Lebenszyklus:

01

Konzept & Risikoanalyse

Assets identifizieren, Bedrohungen modellieren, Risiken bewerten (TARA).

02

Entwicklung

Sichere Architektur, Anforderungen, Implementierung und Tests nach dem V-Modell.

03

Produktion & Betrieb

Sichere Fertigung, Monitoring, Schwachstellen-Management und Updates im Feld.

04

Ausserdienststellung

Sicheres Löschen von Daten und Schlüsseln am Ende des Lebenszyklus.

Meilensteine & Vorfälle

Wie sich Fahrzeug-Cybersicherheit vom Forschungsthema zur gesetzlichen Pflicht entwickelt hat.

  1. 2015

    Jeep-Cherokee-Hack

    Die Forscher Charlie Miller und Chris Valasek übernehmen aus der Ferne Funktionen wie Bremsen und Lenkung über das UConnect-Infotainment. Folge: Rückruf von rund 1,4 Millionen Fahrzeugen.

  2. 2020

    UN R155 & R156 verabschiedet

    Die UNECE beschliesst die erste verbindliche internationale Regulierung zur Fahrzeug-Cybersicherheit.

  3. 2021

    ISO/SAE 21434 veröffentlicht

    Der gemeinsame Standard von ISO und SAE definiert das Cybersecurity-Engineering für Strassenfahrzeuge.

  4. 2022

    R155 für neue Typen Pflicht

    Ab Juli 2022 ist die Cybersecurity-Typgenehmigung für alle neuen Fahrzeugtypen verpflichtend.

  5. 2023

    CAN-Injection-Diebstähle

    Kriminelle stehlen Fahrzeuge, indem sie über zugängliche Verkabelung (z. B. am Scheinwerfer) gefälschte CAN-Botschaften einschleusen.

  6. 2024

    R155 für alle Neufahrzeuge

    Seit Juli 2024 gilt die Regulierung für alle neu produzierten Fahrzeuge in den UNECE-Märkten.

In Zahlen

100+ Steuergeräte in einem modernen Fahrzeug
1,4 Mio. Fahrzeuge zurückgerufen nach dem Jeep-Hack 2015
2024 R155 Pflicht für alle Neufahrzeuge (UNECE)
100 % Lebenszyklus abzusichern – Konzept bis Stilllegung

Über diese Seite

automotive-cybersecurity.ch ist ein Informationsangebot rund um die Cybersicherheit vernetzter Fahrzeuge – von Steuergeräten und Bordnetzen über Diagnose bis zu Regulierung und Standards. Ziel ist es, ein komplexes Thema verständlich und kompakt aufzubereiten.

Dieses Angebot dient der Information und stellt keine Rechts- oder Sicherheitsberatung dar. Angaben zu Regulierung und Vorfällen nach bestem Wissen, ohne Gewähr.